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Ich muss mein Herz üben! für Sopran, Violine und Klarinette (2025)
nach zwei Gedichten von Angela Krauß
Angela Krauß
Ich muß mein Herz üben!
Alles entspringt allem und jedem,
und rottet sich zusammen,
in Lust und Laune,
Welle und Teilchen.
Und ich steh in der Gegend:
plump, betrübt, hilflos, verliebt.
Auch die Liebe
beruht auf Vermutungen
und der vagen Erinnerung
an einen ähnlichen Fall
vor abertausend Jahren,
dessen Abdruck
in eine Seele geprägt wurde
wie die Tatze eines jungen Bären,
derb, verspielt, mutwillig, verletzend.
Auch die Liebe
hebt die Fremdheit nicht auf
und die Ahnung,
sie könnte für immer bleiben,
um noch tiefer erfahren zu werden
durch die Liebe,
tief genug,
daß alles Bittere sich verflüchtigt
und von der Fremdheit nur bleibt,
was ganz am Anfang war:
Fülle aus Licht,
blindes Vertrauen,
nackte Vermutung.
Saaijoumeeah für Klarinette, Bassetthorn und Bassklarinette (2024)
für das Konzert "Zeitensprünge" des Sächsischen Musikbunds e.V.
„In diesen Zeiten des allgegenwärtigen Elends und der blinden Gewalt, der Naturkatastrophen und der ökologischen Desaster mag es unpassend und unschicklich erscheinen, über die Schönheit zu sprechen. Eine Provokation, beinahe ein Skandal. Doch gerade dadurch wird uns deutlich, dass die Schönheit – dem Bösen entgegengesetzt – ihren Platz am anderen Ende einer Wirklichkeit hat, der wir uns alle stellen müssen.“
François Cheng Fünf Meditationen über die Schönheit
Wir sind in Zeit und Raum – wo sonst?
Noch ist es nüchtern und kühl –
Es fehlt die Liebe.
Nun, da wir sie üben sind wir bereit für die Welt mit Glück und Schmerz.
Darin ein erster Klang und wir sind im Stück –
Hereingesprungen, hereingesogen, hereingezogen?
Klänge und Worte in Raum und Zeit, das Üben der Liebe
und die Schönheit und das Böse –
wir sind mittendrin.
Was können wir tun, was müssen wir tun in dieser Welt?
Aufschreien? Aufschreien, Aufschreien…
Und dennoch –
die Schönheit eines tiefen, langen Tones, verklingend in der Zeit.
Sind wir hineingetragen in die Ruhe und das Stück kann sich nun entfalten in Raum und Zeit als freies Spiel dreier Stimmen?
Zeitensprünge? – sicher.
Immer und immer wieder aus der Alltagszeit in die Komponierzeit;
manchmal als kühner Sprung getragen von einer Idee,
manchmal leichte kleine Hüpfer,
manchmal nur Hopser mit bleiernen Füßen,
manchmal die Sprungkraft zu schwach und knapp daneben,
manchmal -
allerlei Zeitensprünge.
In corde meo – von innen bleib ich bewahrt vor andrang und list
Komposition für Chor und Instrumente
Der Dresdner Komponist Jörg Herchet, bei dem ich das Glück hatte, Komposition zu studieren, arbeitet fast sein ganzes Leben auch an einem Kantatenzyklus. Für viele Sonntage im Kirchenjahr sind bereits Kantaten entstanden. Meine Komposition ist Teil einer Kantate zum 17. Sonntag nach Trinitatis. Diese Kantate ist als eine Gemeinschaftskomposition von Jörg Herchet und seinen Schüler*innen geplant. Jörg Herchet hatte dabei einerseits die Idee eines „Cantionalbuches“ mit zeitgenössischer Musik, aus der sich Kantoren Stücke auswählen können, die im Gottesdienst mit den Möglichkeiten einer Gemeinde aufgeführt werden können, zum anderen auch die Idee eines Gesamtwerkes, dass aus vielen kleinen Teilen besteht, die von verschiedenen Komponist*innen komponiert werden und doch durch einige wenige strukturelle Vereinbarungen zusammen hängen.
Ich freue mich, dass Margret Leidenberger meinen Teil zum Sonntag Kantate 2024 in der Versöhnungskirche im Gottesdienst uraufgeführt hat.
Das Herz, ein Wort, dass für unser Inneres steht, sagen wir nicht umsonst, von Herzen glauben oder von Herzen lieben und grüßen und herzlich in Briefen. Mit einem Herzen in der Brust sind wir hineingeworfen in eine chaotische Welt voller Schrecken aber auch Schönheit, voller Widersprüche und scheinbar unlösbaren Aufgaben, voller Andrang und List.
Innen und Außen versucht meine Komposition musikalisch darzustellen. Am Anfang des Stückes ein Klang-Chaos verteilt aus dem ganzen Kirchenraum: es soll überraschen, verwundern, bestürzen, durchrütteln, das Gewohnte durchbrechen aber auch eine große Klangvielfalt zeigen. So liegt es auf der Hand, dass dafür auch eher nicht gewohnte Spielweisen und Klänge verwendet werden. Und da ich es sehr mag, auch die Interpreten mehr als üblich in die Gestaltung der Aufführung mit einzubeziehen, haben die Spieler*innen einige Gestaltungs – und Improvisationsfreiräume.
Die Katze fraß ein Lied für Altstimme und Flöte (2024)
mit Gedichten von Carla Schwieg
Xenia, Xeninia, Xeniuschka für Altus, singendes Akkordeon und Klarinette (2024)
Danach... für Bassflöte und Pecussion (2019)
anläßlich der Ausstellung zum 80. Geburtstag a.r.pencks im Albertinum Dresden
Wind für Orchester (2019)
Sinfonietta Dresden, Mitschnitt der UA
Als ich gefragt wurde, ob ich für das Projekt „Naturklang-Klangnatur“ ein Stück schreiben würde, hat mir sofort der Gedanke gefallen, in der Komposition ganz konkrete „Naturgeräusche“ oder „Naturklänge“ zu verwenden. Seit ich die Philosophie und Musik John Cages kennen gelernt habe, fasziniert mich die Sichtweise, dass alles was uns umgibt, vor allem natürlich akustisch, aber vielleicht auch in einem noch weiter gefassten Sinne, Musik ist.
Nun ist es ein Stück über das Rauschen des Windes geworden.
Der Wind, der weht, wo er will, der uns sanft durchs Haar streicht oder den Hut vom Kopf bläst, der kommt und geht, mal mächtig, mal sanft.
Kompositorisch gesehen ist das Rauschen des Windes dem Rauschen in der Musik ähnlich, was entsteht, wenn sehr viele eng beieinander liegende Töne gleichzeitig gespielt werden, ein Cluster. Der Gegensatz dazu wäre der klare einzelne Ton und die Melodien und Klänge, die daraus entstehen. Doch je mehr Töne wir einem Klang hinzufügen, umso mehr nähert er sich wieder dem Cluster, dem Rauschen. In meinem Stück möchte ich eine Verbindung schaffen zwischen dem Rauschen der Natur und dem der Musik, die Schönheit und Verschiedenheit der clusterartigen Klänge hörbar machen und der Frage nachgehen, wie verbindet sich dieses archaische Rauschen des Windes mit Tönen, Melodien und Klängen, die Musik ausmachen und doch so ganz anders sind.
Anregung für meine Komposition gab ein Gedicht der Dichterin Angela Krauß:
Ich muß mein Herz üben!
Alles entspringt allem und jedem
und rottet sich zusammen
in Lust und Laune, Welle und Teilchen
und ich steh in der Gegend:
plump, betrübt, hilflos, verliebt.
Stellen wir uns vor, wir würden nichts tun. Wir lägen bequem, die Hände neben dem Körper, hätten die Augen geschlossen, ringsum keinerlei Geräusche, fühlten keinen Schmerz, nicht einmal die Verspannung dieses oder jenes Muskels, frören weder, noch schwitzen wir. Wir würden sofort merken, daß wir nichts tun können. Wir würden immer noch atmen. (...) Wir könnten die Luft anhalten, allerdings nur für einige Sekunden, bei sportlicher Konstitution etwas länger, eine Minute vielleicht oder zwei. Danach atmeten wir um so kräftiger wieder aus. Wir bestimmen nicht den eigenen Atem – nicht einmal über den eigenen Atem bestimmen wir. Über die elementarste Tätigkeit des Lebens haben wir – ich will nicht sagen: keine, aber nur minimale, nur einige Sekunden oder ein, zwei Minuten Verfügungsgewalt. Sind wir es dann überhaupt selbst, die atmen?
Es gibt wahrscheinlich keine andere Frage, an der sich der Unterschied zwischen einem religiösen und einem Bewußtsein, das die Welt rein immanent erklärt, präziser, anschaulicher, auch grundlegender festmachen ließe als die Frage nach dem eigenen Atem. Gott ist im Vergleich ein nachrangiger, vor allem ein zu abstrakter, letztlich nicht erklärbarer Begriff – man kann religiös sein, ohne Gott im Munde zu führen. (...) Der Atem ist die grundlegende religiöse Erfahrung, die wir bestreiten oder anerkennen können:
Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.
Jenseits bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
Und dank´ ihm, wenn er dich wieder entläßt.
(Goethe, West-östlicher Divan)
Wer atmet?
Aus: Navid Kermani, Zwischen Koran und Kafka, Gott-Atmen – Goethe und die Religion
Zuerst ein allmählich verklingendes Rauschen eines lauten Clusters der tiefen Klaviersaiten (das mächtige Rauschen des Windes, des Waldes, des Meeres?). Da hinein der menschliche Atem, durcheinandergewirbelt am Mundloch der Flöte und ins Schwingen gebracht, erscheint er in zerbrechlichen und eigenwilligen Mehrklängen, mit besonderen Griffen hervorgerufen. Unter die Oberfläche dieser beiden Klangräume einzudringen und sie miteinander zu verbinden wird zur Aufgabe des Stückes, bis an seinem Ende die Erinnerung an den Flötenklang „an sich“ hervortritt.
elole-Klaviertrio, Uta-Maria Lempert, Violine, Matthias Lorenz, Violoncello, Stefan Eder, Klavier
Zuerst ein sonniger Frühlingstag. Der Holunder streckt seine Zweige bis auf die Terrasse, leuchtende Blütenteller auf dunkelgrünem Grund. Doch bevor mein Blick darauf ruhen konnte, war da schon eine Ahnung, ein betörender Duft.
Vorbei an kleineren und größeren Bergen all der Dinge, die sich immerzu mit Leichtigkeit beharrlich auftürmen, führt ein Pfad entlang dem labyrinthischen Gewimmel der Holzeisenbahnschienen und die Furchtlosigkeit herausfordernd auch noch durch die Herde der fleisch- oder pflanzenfressenden Dinosaurier an jenes alte Möbelstück aus dem vergangenen Jahrtausend, das mit elfenbeinernen Tasten unmittelbar und wie mit einem Zauber in eine ganz andere Welt entführt. Die Holunderblüten werden noch nicht zu Beeren, aber zu Trauben, Tontrauben. Fasziniert hört das Ohr zu, wie sich der altbekannte und daher oft verworfene Klang der drei Töne G, H und D verändert, kommt ein vierter Ton dazu. Ein Finger mehr auf dem C etwa, und schon beginnt das Ohr seinen Weg in andere Gefilde. Vielleicht noch ein hohes A und dann ein tiefes B, und es ist ganz und gar in einem anderen Raum angekommen. Kling, Klang, Klong. So tastet es sich vor und zurück, mit Umwegen in Tontrauben durch die Klangräume, staunend über Zauberhaftes und sich verlierend in den Verlockungen dieser vielen Möglichkeiten. Dazwischen immer wieder der Duft … So entsteht das erste Bild.
Das nächste Bild ist vorerst nur ein Gefühl; das Berührtsein von der eigentümlichen Schönheit rauer, spröder Klänge, wie sie nur auf Streichinstrumenten durch verschieden starken Bogendruck hervorgebracht werden können. Vielleicht der Klang zu jener Hand, die über eine alte, poröse, bröckelnde, aber in ihrer Vielschichtigkeit (in Zeit und Raum) sehr lebendige Hauswand streicht – das Klingen und das allmähliche Übergehen ins raue Rauschen. Und da ist aus dem Gefühl ein Bild geworden. Immer wieder werden die Klänge mit dieser Rauheit überzogen, wuchtig und voller Energie vor die Ohren geworfen. Nur manchmal öffnet sich eine Lücke und lässt etwas anderes durchschimmern; Helligkeit, Klarheit, eine kleine Melodie …
Eine kleine Melodie … eine Linie, sich allmählich entspannend von einem Ton zum anderen durch diesen ganzen weiten Raum, in dem die Töne erscheinen können. Eine Linie, aber was dann?
Um die Linie wird ein immer dichter werdendes Netz an Beziehungen und Möglichkeiten gewoben, mehr und mehr seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorchend, bis diese nur noch ein kleiner Teil davon ist und sich während des Vergehens der Zeit der „rote Faden“ im Getümmel der musikalischen Ereignisse zu verlieren scheint.
Und noch ein letztes Bild: der weite Raum (vielleicht auch ein Himmel), in dem ein erster Klang aus der Stille hervorbricht (vielleicht ein Stern). Da, ein zweiter Klang, und dort noch ein dritter! Im Aufblitzen der Klänge entstehen Beziehungen zum vorher Gehörten. Manches ist ähnlich, manches ganz anders, neu. Doch der Zwischenraum ist nicht still, sondern von ungeheurer Dichte; dem lebendigen Verklingen des Gehörten und der Vorahnung dessen, was vielleicht zu hören sein wird.
Am Ende dann die Aufgabe, diese Bilder für die drei Instrumente, Violine, Violoncello und Klavier in Musik zu verwandeln. Die Herausforderung erschien mir darin, die drei Instrumente zu einem Ensembleklang verschmelzen zu lassen, in dem sie ihre Eigenheiten behalten, aber die Ähnlichkeit der beiden Streichinstrumente und der so andere Klavierklang sich nicht als zwei verschiedene Klangfarben gegenüber stehen.
„In einer dunklen Nacht“ für Chor, Orchester und Solisten 2010/2011
Im Mittelpunkt der Komposition steht das Gedicht „In einer dunklen Nacht“ des spanischen Dichters und Mystikers Johannes vom Kreuz in einer neuen Übertragung von Christian Lehnert. Das Gedicht erzählt in beeindruckenden poetischen Bildern von einem geheimen Aufbruch In einer dunklen Nacht, /Als Flammen in mir leckten, das Begehren - / Das Glück, im Augenblick! /Ich ging, ganz unbemerkt. / Mein Haus war still, kein Laut war mehr zu hören..., dem Weg und die rätselhaft bleibende Begegnung mit einem Geliebten...Mit seiner warmen Hand / Verletzt er meinen Hals, / Und meine Sinne schwanden: Selbstvergessen / Blieb ich zurück, ich blieb, /Hielt das Gesicht geneigt zu dem Geliebten, / Verloschen alles, ich /Verloschen, ließ ich mich, / Und war vergessen zwischen hohen Lilien. Obwohl es sich einerseits als wunderbares Liebesgedicht lesen lässt, beschreibt Johannes vom Kreuz in einer vollendeten dichterischen Form seine mystische Gotteserfahrung. In einem gleichnamigen Buch legt er das Gedicht Strophe für Strophe aus und beschreibt in drastischer Sprache die entsetzliche Härte und fast unüberwindbaren Schwierigkeiten auf diesem Weg hin zu einer, zu seiner Gottesbegegnung. Er beschreibt, wie Gott den Menschen in diese trockene und dunkle Nacht stellt, „die Begierde bremmst und die Strebkraft zügelt“ und sich der Mensch „an keinem Wohlgeschmack oder spürbaren Verkosten des Himmels oder der Erde mehr mästen kann:“, wie der Mensch alles hinter sich lassen muss um die Freiheit und Weite des göttlichen Geistes zu spüren. Die musikalische Form berücksichtigt diese beiden Aspekte des Textes; in einem ersten Teil werden Zitatfragmenten aus dem Buch „In einer dunklen Nacht“ verwendet und die gesprochene Sprache, der Sprachklang in den Mittelpunkt gestellt.
Der Mittelteil beruht auf zwei Bildern, die in dem Gedicht eine Rolle spielen – das Wehen des Windes als Bild für den (göttlichen) Geist, das bis hin zu einem mächtigen Chorglissando anschwillt und das Stille-Werden aller Sinne. Aus dieser Stille heraus, die durch das Ein- und Aus eines klanglichen Atems geprägt ist, entsteht durch das Einbeziehen des ganzen Kirchenraumes ein anderer, ein besonderer Raumklang als Fundament für das Erklingen des Gedichtes. Der letzte Teil ist so gestaltet, dass das Gedicht in seiner poetischen Kraft und Schönheit weitgehend wahrgenommen werden kann und dennoch auch Raum für Klangassoziationen zu einzelnen Bildern vorhanden ist.
San Juan de la Cruz: Noche Oscura
Übertragung: Christian Lehnert
In einer dunklen Nacht,
Als Flammen in mir leckten, das Begehren -
Das Glück, im Augenblick!
Ich ging, ganz unbemerkt.
Mein Haus war still, kein Laut war mehr zu hören.
Verdunkelt und vermummt,
In Sicherheit und auf geheimen Stufen -
Das Glück, im Augenblick!
Verdunkelt und versteckt,
Mein Haus war still, kein Laut war mehr zu hören.
In jener Zufallsnacht,
Sorgsam verborgen, dass mich niemand sieht,
Und selbst vollkommen blind,
Nur ein Reflex im Schwarz,
Vom Brand getrieben, der das Herz durchzieht -
Ein Weg, mein Halt,
So hart wie Sonnenstrahlen im Zenit.
Erwartet und geführt,
So hab ich ihn gespürt,
Wo niemand sichtbar war. Nur Schritt vor Schritt:
O Nacht, du mein Geleit!
Du Nacht, verlässlicher als Morgenlicht!
Du Nacht, die stumm vereint,
Geliebten mit Geliebter,
Dass liebend eins im anderen verschwimmt.
An meiner Brust, als blühte
Sie nachts, für ihn allein war sie bewahrt,
Für seinen stillen Schlaf,
Ich hielt ihn, gab mich ganz,
Die Zedern atmeten, ein kühler Hauch.
Im Dämmern, Mauerdunst,
Als ich ganz leicht in seinen Haaren spielte,
Mit seiner warmen Hand
Verletzt er meinen Hals,
Und meine Sinne schwanden: Selbstvergessen
Blieb ich zurück, ich blieb,
Hielt das Gesicht geneigt zu dem Geliebten,
Verloschen alles, ich
Verloschen, ließ ich mich,
Und war vergessen zwischen hohen Lilien.
„Im Überschwang des Raumes“ für Orchester (2007)
Zuerst gab es die Vorstellung eines Raumes, erfüllt mit verschieden schwingender Musik aus allen Ecken, die den Zuhörer durchrüttelt, - eines Raumes, in dem an verschiedenen Stellen immer andere Rhythmen und Taktarten zum Vorschein kommen, sich überlagern und wieder in den Hintergrund treten, so dass man sich nur mit Überschwang dem Überschwung überlassen kann...
Dazu kam die Faszination für Klänge zwischen den für unsere Ohren gewohnten Halbtönen; zwei Töne, die nur fast die gleichen sind; eine Quarte, die doch keine Quarte ist; eine Quinte - eine Terz dazu und man könnte sich fast fallen lassen im vertrauten Dreiklang, doch die Terz ist auch keine richtige und alles scheint zu verrutschen...
Mit diesen beiden Ideen im Kopf entstand eine ungewöhnliche Aufteilung des Orchesters in Gruppen, die auf die vier Ecken des Raumes verteilt sind und zwei Trompeten auf erhöhten Emporen. Die beiden Gruppen auf der linken Seite sind einen Viertelton tiefer gestimmt, so dass die Musiker auf jeder Seite in der gewohnten Stimmung spielen, im Zusammenklang aber eine Harmonik entsteht, die von Vierteltönen geprägt ist.
Nun konnte das Spiel mit dem Raum und den zwei verschiedenen Grundstimmungen beginnen. Ausgehend von der gewohnten Vorderseite des Raumes, dem Publikum gegenüber, durchdringen sich im steten Wechsel zwischen rechts und links, normaler und tieferer Stimmung die Klänge, bis sie in einem Klang zusammenfallen und plötzlich verstummen. Doch das Stück ist keineswegs zu Ende, denn die Musik entsteht nun in den beiden Ecken im Rücken des Publikums, aus denen es ähnlich, aber auch anders zurück klingt. Die Musik breitet sich aus und erobert horizontal und vertikal den ganzen Raum. Klanggesten bewegen sich an verschiedene Orte; es sprudelt aus allen Ecken, beruhigt sich um wieder neu zu beginnen und versetzt den Raum mit seinen Hörern am Ende vielleicht wirklich in etwas Überschwängliches.
„Streifzüge“ für Violine, Viola, Akkordeon, Percussion und Zuspiel 2006
2. Fassung des Monologes an der Oberfläche der haut bevor es sie erreicht 2005
für das Ensemble Aleph
UA 2006 Gaudeamusfestival Amsterdam
monolog an der Oberfläche der haut bevor es sie erreicht
ich kann die zeichen nicht mehr lesen die einsamkeit ist etwas für melancholiker mit
neigung den im glas angetrockneten wein vom vorabend nicht in kopfschmerzen zu
überführen fixsterne am firmament und der kopf immer unter der glocke der angst
wer rührt daran
flachmänner ziehen ihre kreise wie wölfe abends allein und unwirtlich die gesten, drei
schritte außer reichweite das herz verkorkt der kopf verschraubt und jeder ausfall ins
zwischenmenschliche ein ausfall des gedächtnisses was geschah früher wie hießen
die wesen die vorm fenster sangen am morgen wie fühlte sich haar an wenn es aus
kopfkissen wuchs wie büschel von wiesen nestern aus stroh und dieses schimpfen
und schelten von gelber kehle
meine lichtung die kahle betrittst du sie nun hallt dein schritt schwer scheppernd
wider zwischen anemonen margeriten keine leuchtraketen alle blütenblätter
angeklebt und der horizont matt und verschwommen als ob er seine entfernung satt
hat aus dem weitwinkel mitzuspielen sind nicht die ränder schon ausgeschnitten wie
trampelpfade
aushalten atem volumen das erste gesetz der mechanik die verdrängung aber wo
hört der surrealismus auf und die doppelbelichtung und alle winkel die schief sind
aus denen du mich anblickst als gäbe es mich nicht einmal im traum
mein spaziergang wird kein tanzschritt mein zitat keine paraphrase alles gesagt getan
wie packen wir´s an weiter zu tun als wären wir fleißig
was ist schon dabei wenn der luchs laut und verständlich denkt
ich kenne ihn nicht doch kann seine bekanntschaft nun nicht mehr missen soviel
ist gewiß
aber siehe auch das ist nur scheinbar
Text: Kristin Schulz
Es geht um Einsamkeit. Eine Frau allein im leeren Raum, singend.
Gleich den verschiedenen Welten, die der Mensch in sich trägt, verbinden sich Sopran und Violine, eng ineinander verwoben, zu einer Solostimme.
Doch der Raum ist nicht stumm. Wie ein Echo oder Schatten wirft er die Klänge zurück und beginnt selbst leise zu klingen.
Eine weitere Ebene in meinem Stück ist die Verbindung von Sprache und Instrumentalklängen. Die Musiker sprechen und spielen. Einzelne Buchstaben werden aus den Worten herausgelöst und sind, nun ohne Bedeutung versehen, nur noch Klang.
Für diese Sprachklänge habe ich ähnliche Klänge auf den Instrumenten gesucht. Aus der Verbindung der beiden entsteht eine Klanglichkeit, die nur Musik sein könnte und doch an Sprache erinnert.
Auf die Schnelle szenische Komposition für Sopran, Bariton und Kammerensemble UA Festspielhaus Hellerau 2005
Auf die Schnelle
Wesen A Sie haben drei Wünsche frei. Lassen Sie Ihre Phantasie blühen.
Verkünden Sie mir, was Sie wollen und zögern Sie nicht.
Wesen B Hoch hinauf soll es gehen im Flug. Atemberaubend und zum
Schwindeln tief soll es unter mir sein. Und elektrisch geladen die Nähe
bei der ersten Begegnung.
Wesen A Verstehe. Vorspiel im Himmel. Höhepunkt Erde. Und Abgabg ins Gras.
Das ist das Ende.
Kommen auch Menschen in ihrem Traum vor?
Wesen B Konkret weiß ich es nicht. Es könnte schon sein, daß eine Begegnung
stattfinden wird.
Wesen A Nu denn. Sind Sie bereit? Sie können nun nicht mehr zurück.
Text: Kristin Schulz
Aus keinem einfacheren Grunde als diesem szenische Komposition für Sopran, Bariton und Kammerensemble UA Festspielhaus Hellerau 2005
Mann Ich werde nun gehen.
Frau Es muss wohl so sein.
Mann Verzeih mir. Glaub mir.
Frau Ist das falsche Wort. Die Liebe war immerhin tröstlich.
Mann Ich habe geliebt, das ist wahr. Ich liebe dich noch.
Es ist sicher schon später als wir denken.
Frau Und früher, als wir zu hoffen wagen.
Nimm mich beim Wort, den Strick um den Hals, wenn du gehst.
Nimm mich mit.
Mann Ich nehm´ dich beim Wort, du hast es versprochen. Es ist leider so.
Ich werde nun gehen.
Frau Du wirst den Zug nicht verpassen.
Mann Ich werde nun gehen. Ich werde dich nicht wiedersehen.
Frau Es ist ein Versehen. Verstehst Du!
Mann Wiedersehen, Adieu Liebste, Liebe.
Wie nenn´ ich dich nur.
Frau Der erste Schnee.
Mann Gehen, weitergehen.
Frau Wo gehe ich hin? Wo geht es hin?
Mann Gehen, vergehen.
Frau Gehen oder vergehen.
Mann Es vergeht. Es geht.
Frau Es geht. Es vergeht.
Text: Kristin Schulz